Marcel Reich-Ranicki – eine Biographie mit schwarzen Löchern

Vorbemerkung zum Dossier 1/2009 des Friedenskomitees:
Materialien zu einem unterdrückten Skandal
1. Seit langem gibt es schwere Anschuldigungen gegen den bekannten Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki. Er soll unter anderem als Offizier des polnischen Geheimdienstes, insbesondere im Februar und März 1945 im oberschlesischen Kattowitz, für Kriegsverbrechen an Deutschen verantwortlich sein. Auch soll er als polnischer „Konsul“ in London exilierte Landsleute nach Polen zurückgelockt haben, wo sie von sowjetischen Behörden verfolgt und angeblich ermordet wurden.
2. Einer breiten Öffentlichkeit wurden die dunklen Seiten im Leben des „Literaturpapstes“ und Medienstars durch einen Beitrag im „Kulturweltspiegel“ des WDR-Fernsehens 1994 bekannt. Es begann eine heftige Diskussion, an deren Ende der Autor des Fernsehbeitrags Tilmann Jens schlechter dastand als der kritisierte Geheimdienstoffizier. Wolf Biermann nannte den „Rufmörder“ im SPIEGEL einen „schwer mißglückten Sohn“ (des Literaturprofessors Walter Jens). 1998 veröffentlichte der 2007 verstorbene Ritterkreuzträger Hennecke Kardel eine mittlerweile vergriffene Streitschrift zum Thema, die wir ungeachtet einiger problematischer Teile hier auszugsweise abdrucken. Kardel stützt sich dabei hauptsächlich auf die wohl wichtigste Veröffentlichung, die der jüdische Autor John Sack nach jahrelangen Recherchen 1995 unter dem Titel „Auge um Auge“ im Hamburger Kabel-Verlag herausbrachte. Das in den USA erfolgreiche Werk sollte ursprünglich beim Münchner Piper-Verlag erscheinen, wurde aber nicht ausgeliefert.
3. Die Reaktionen von Marcel Reich-Ranicki (zu Beginn seiner Geheimdienst-Tätigkeit noch „Marceli Reich“) auf die massiven Vorwürfe wirken wie eine indirekte Bestätigung, wenn er sagt „Man kann nicht erwarten, daß ich in der Autobiographie die volle Wahrheit preisgebe. Lessing sagt, die Wahrheit liege in Gottes Hand.“ („Lessing“ war übrigens einer seiner Decknamen als Geheimdienstoffizier.) In einem Spiegel-Interview empörte er sich: „Was geht es denn die Deutschen an, was ich in polnischen Diensten getan habe?“ Und wie andere Schreibtischtäter flüchtet er sich in die Formel: „Ich habe niemandem geschadet.“ Mehrfach mußte er, wie bei seiner KP-Zugehörig¬keit, einräumen, daß er die Unwahrheit gesagt hat. Ansonsten gibt er nur zu, was ihm nachgewiesen werden kann.
4. Die im Laufe der Jahre immer deutlicher erkennbaren Taten des Literaturpapstes haben seiner Popularität bisher nicht geschadet. Seine jetzt vom WDR (und arte) verfilmten Memoiren „Mein Leben“ waren ein Bestseller. Es ist keine Auszeichnung für die politische Kultur Deutschlands, daß kaum jemand wahrhaben will, daß der berühmte Kulturkritiker die wichtigsten Jahre seines Lebens totschweigt oder vernebelt. Er, der so oft über andere erbarmungslos den Daumen gesenkt hat, baut wohl darauf, daß eindeutige Belege für seine persönlichen Verstrickungen in den Völkermord an Deutschen sobald nicht gefunden werden und jeder weitere Verdacht mit neuen Anerkennungen und Preisen zugeschüttet wird.
5. Der Fall Reich-Ranicki ist kennzeichnend für die gnadenlose Subjektivität mit der in Deutschland mit Menschen umgegangen wird. Der Fernseh-Moderator Michel Friedman schien nach seiner Verurteilung wegen des Besitzes von Kokain und des nicht geahndeten ausbeuterischen Umgangs mit osteuropäischen Prostituierten 2003 am Ende seiner Karriere. Heute ist er längst wieder Dauergast auf dem Bildschirm. Der Ex-Juso-Vorsitzende Johano Strasser stand jahrelang dem deutschen PEN vor, obwohl er wegen eines mehrfachen Sittlichkeitsdelikts gegenüber jungen Frauen und Mädchen rechtskräftig verurteilt ist. Die Rauschgift-Delikte eines Konstantin Wecker sind längst vergessen. Wer sich „politisch korrekt“ gibt, hat einen Freibrief. Ihm wird alles verziehen, – wenn über seine Verfehlungen überhaupt berichtet wird. Im Gegensatz dazu wird bereits eine mißinterpretierbare Rede des CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann oder des Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger mit dem politischen Todesurteil geahndet.
6. Vor dem Völkerrecht sind keineswegs alle gleich. Die Verbrechen der Sieger sind von anderer Qualität, weil der Sieg wie eine Amnestie wirkt. Wer den Krieg verliert, erleidet nicht nur die militärische, sondern zusätzlich eine rechtliche und moralische Niederlage und wird für Verbrechen zur Verantwortung gezogen, die auf der Seite des Siegers ignoriert werden. Nach wie vor ist das Recht ein Büttel der Kriegsergebnisse und damit kein Recht, sondern Resultat der jeweiligen Machtverhältnisse. Das ist die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln.
7. Seit 1945 sind zweierlei Verbrechen zu unterscheiden: die von Deutschen und die an Deutschen. Viele Deutsche haben diese politische Schizophrenie der Sieger so sehr verinnerlicht, daß ihnen ethische Maßstäbe fehlen. Sie erkennen nicht, daß Opfer von Verfolgung keine Amnestie beanspruchen dürfen für eigene Verbrechen. Reich-Ranicki profitiert von jener politischen Anomalie, die es in solcher Intensität wohl nur in Deutschland gibt.

Unsere Kritik zielt übrigens mehr auf die öffentliche Diskussion und ihre Meinungsführer als auf Reich-Ranicki selbst, der sich trotz seiner Verfolgung in der Zeit des Nationalsozialismus nach seiner Übersiedlung in die Bundesrepublik nicht an der pauschalen Kritik an den Deutschen beteiligt hat und sich um die deutsche Literatur verdient gemacht hat.
Dr. Alfred Mechtersheimer

Dieser Beitrag wurde unter Marcel Reich-Ranicki veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.